Zwischen Diagnose, Scham und Selbstbestimmung: Leben und Sexualität mit HPV

Ein Brief. Eine Aussage. „HPV-positiv.“ Für viele Frauen ist es genau dieser Moment, der alles verändert – zumindest fühlt es sich so an. Auch für Simone Hotz begann ihre Auseinandersetzung mit HPV nicht mit Symptomen, sondern mit einem routinemäßigen Screening und einem nüchternen Befund per Post. „Dieser Moment war für mich vor allem psychologisch irritierend. Ich konnte die Diagnose zunächst überhaupt nicht einordnen und ich musste erst einmal selbst recherchieren.“

HPV – das Humane Papillomavirus – ist eine der häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen weltweit. Und dennoch ist das Wissen darüber erstaunlich lückenhaft. Zwischen medizinischer Realität und gesellschaftlichem Schweigen entsteht ein Raum, in dem Unsicherheit, Scham und Angst wachsen können. Genau dort setzen wir an: mit Aufklärung, Einordnung und einer persönlichen Perspektive. Simone schildert, dass besonders die Tabuisierung in sozialen Kreisen die Unsicherheit verstärkt. Gespräche über HPV sind selten, und viele Betroffene fühlen sich dadurch isoliert.

Zwischen medizinischer Routine und innerer Verunsicherung

Simone erfuhr 2020 im Zuge der Änderung des gynäkologischen Screenings von ihrer HPV-Infektion. Da sie über 35 Jahre alt war, wurde erstmals routinemäßig ein HPV-Test durchgeführt. Das Ergebnis kam per Brief: positiv. Was folgte, war weniger körperlich als emotional spürbar. Für Simone war die Art der Mitteilung per Brief besonders schwierig, da sie sich plötzlich mit einer medizinischen Realität konfrontiert sah, ohne dass jemand ihr die nächsten Schritte erklärte. „Das größte Problem für mich war die innere Diskrepanz: Einerseits las ich überall, dass HPV extrem weit verbreitet ist. Andererseits wusste ich, dass HPV mit Krebs in Verbindung steht.“ Genau diese Diskrepanz prägt viele Diagnosen. Auf der einen Seite steht die Information, dass sich rund 85–90 % aller sexuell aktiven Menschen im Laufe ihres Lebens mit HPV infizieren, oft unbemerkt. Auf der anderen Seite steht das Wissen, dass bestimmte HPV-Typen mit Krebs in Verbindung gebracht werden. Dabei ist zu erwähnen, dass HPV nicht Krebs bedeutet, denn die Niedrigrisiko-Typen stehen nicht in dieser Verbindung. Simone fügt hinzu, dass das Internet oft mehr Verwirrung stiftet als Klarheit bietet, weil widersprüchliche Informationen schwer einzuordnen sind.

Was fehlt, ist häufig die Einordnung. Nach dem positiven Test wurde Simone in eine Dysplasie-Sprechstunde überwiesen. Obwohl ihr Pap-Wert (Pap II-g) keine gravierenden Zellveränderungen zeigte, waren weitere Abklärungen vorgesehen. Es folgten Kolposkopie und Biopsie, um mögliche/potentielle Zellveränderungen unter die Lupe zu nehmen. „Statt Klarheit zu gewinnen, hatte ich vielmehr den Eindruck, plötzlich Teil eines medizinischen Ablaufs zu sein, ohne die einzelnen Schritte und deren Bedeutung wirklich nachvollziehen zu können.“ Dieses Gefühl teilen viele Betroffene. Medizinisch ergibt das strukturierte Vorgehen Sinn: Wird HPV nachgewiesen, folgen engmaschigere Kontrollen, gegebenenfalls Kolposkopien und bei Bedarf Biopsien. Ziel ist es, mögliche Zellveränderungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.

Doch ohne verständliche Erklärung kann genau dieses Vorgehen bedrohlicher wirken, als es ist. Wichtig ist: Eine HPV-Infektion ist zunächst keine Krankheit. Sie ist ein Virusnachweis. Und in rund 90 % der Fälle kontrolliert das Immunsystem die Infektion innerhalb von ein bis zwei Jahren – ein Prozess, der „Clearing“ genannt wird. Danach ist der Test negativ und das Virus nicht mehr nachweisbar. So war es auch bei Simone: Der Test war nach rund zwölf Monaten wieder negativ. Die Gewissheit, dass das Immunsystem in den meisten Fällen das Virus selbst kontrolliert, gab ihr letztlich das Vertrauen, den Alltag wieder unbeschwert zu leben.

Was bedeutet HPV wirklich?

Eine HPV-Infektion verläuft in den meisten Fällen symptomlos. Viele Menschen erfahren nur dann davon, wenn sie getestet werden. Simone hatte kaum Beschwerden, bis auf eine bakterielle Vaginose, die möglicherweise mit der Infektion zusammenhing. Doch klassische Symptome? Fehlanzeige. So kann es bei länger bestehenden Infektionen zu Feig- oder Genitalwarzen kommen. Die Hochrisikotypen verursachen in der Regel nichts, das man von außen erkennen kann oder „spürt“. Da tut nichts weh am Gebärmutterhals.

Das bedeutet jedoch nicht, dass HPV auf die leichte Schulter zu nehmen ist. Besteht eine Infektion länger („persistierende Infektion“), können sich Zellveränderungen entwickeln, vor allem am Gebärmutterhals, aber auch an Vagina, Vulva oder im Analbereich. Dabei gilt: HPV-bedingte Zellveränderungen am Gebärmutterhals treten etwa hundertmal häufiger auf als HPV-bedingter Krebs. Simone hebt hervor, dass regelmäßige Kontrollen nicht nur medizinische Sicherheit geben, sondern auch das psychische Wohlbefinden stärken. Ein zentraler Punkt ist die Vorsorge. Seit 2020 wird in Deutschland bei Frauen ab 35 Jahren alle drei Jahre ein sogenannter KO-Test durchgeführt, eine Kombination aus Pap-Abstrich und HPV-Test. Dieser Test weist eine höhere Sensitivität auf als der Pap-Test allein.  Dennoch erleben viele Frauen die Umstellung auf das dreijährige Intervall als verunsichernd. „Jahrzehntelang hieß es, man müsse jedes Jahr zum Abstrich gehen, und plötzlich soll ein dreijähriges Intervall ausreichen? Ohne genaue Aufklärung kommen Laien hier nicht mehr mit.“ Hier zeigt sich erneut: Nicht die Medizin an sich verunsichert, sondern fehlende Aufklärung.

Sexualität, Partnerschaft und das Gewicht von Scham

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Eine HPV-Diagnose betrifft nicht nur den Körper, sondern sie berührt Identität, Intimität und Selbstwahrnehmung. „Ich hatte innerlich sehr deutlich das Gefühl, erst einmal niemanden mehr ‚in mich lassen‘ zu wollen. Keine neuen Kontakte, keine neuen Erreger.“ sagt Simone. Die Diagnose fiel bei ihr in eine Dating-Phase, aber auch in die weltweite Pandemie. Neue Kontakte bedeuteten potenziell neue HPV-Typen. Sie entschied sich bewusst für eine Pause, wodurch ihr die Entscheidung zu diesem Zeitpunkt leichtfiel.

Viele Betroffene berichten von ähnlichen Reaktionen: Unsicherheit, Rückzug, Angst vor Ansteckung, Sorge um das eigene Krebsrisiko. HPV kann zumindest vorübergehend die Leichtigkeit von Sexualität beeinträchtigen. Ein besonders belastender Aspekt ist der Mythos, HPV sei ein Beweis für Untreue. Das Virus kann jahrelang unbemerkt im Körper vorhanden sein oder sich unter bestimmten Bedingungen reaktivieren, etwa bei Stress oder hormonellen Veränderungen. Eine positive Diagnose sagt nichts darüber aus, wann oder von wem die Infektion stammt. Auch die Annahme, HPV betreffe nur Frauen, ist falsch. Männer infizieren sich ebenso häufig, werden jedoch in der Regel nicht getestet und bleiben daher oft unwissende Übertragende.

Für bestehende Partnerschaften gilt: Hatten beide Partner ungeschützten Sex, ist es sehr wahrscheinlich, dass beide bereits Kontakt mit dem Virus hatten. Ein vollständiger Schutz durch Kondome ist nicht möglich, da HPV durch Haut-zu-Haut-Kontakt übertragen wird. Dennoch können Barrieremethoden das Risiko reduzieren und bei bestehenden Zellveränderungen das „Clearing“ unterstützen. „Sexualität kann und darf selbstverständlich weitergelebt werden“, rät Simone. Entscheidend sind Information, Kommunikation und eine realistische Einordnung. Darüber hinaus empfiehlt sie, gemeinsam mit Partnerinnen und Partnern die Sorgen offen zu besprechen, um emotionale Nähe zu erhalten und Ängste zu reduzieren.

Impfung, Selbstfürsorge und der Umgang mit Verantwortung

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Für Simone ist die HPV-Impfung ein zentrales Element im Umgang mit dem Virus. „Niemand kann im Vorfeld wissen, ob er oder sie zu den etwa 90 Prozent gehört, die HPV problemlos kontrollieren, oder zu den 10 Prozent, bei denen das nicht so gut funktioniert.“ Die Entscheidung für die Impfung bedeutete für sie nicht nur medizinische Prävention, sondern auch psychische Entlastung. Das Gefühl, aktiv handeln zu können, stärkte ihr Selbstvertrauen und gab ihr ein Stück Kontrolle zurück.

Die Impfung schützt vor den häufigsten und potenziell risikoreichen HPV-Typen, insbesondere wenn sie frühzeitig erfolgt. Auch wenn sie idealerweise vor dem ersten sexuellen Kontakt empfohlen wird, zeigen aktuelle Erkenntnisse, dass eine Impfung auch im (jungen) Erwachsenenalter sinnvoll sein kann, selbst wenn bereits sexuelle Kontakte bestanden haben. Für Simone ist Impfen deshalb auch ein solidarischer Akt, ein Schutz für sich selbst und zugleich für andere.

Neben medizinischer Vorsorge betont sie die Bedeutung von Selbstfürsorge. Dazu gehören Stressreduktion, ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und der Verzicht auf Rauchen. Ebenso wichtig ist für sie die Unterstützung der Schleimhautgesundheit durch eine mikrobiomfreundliche Intimpflege. Auch die Verwendung von Gleitgel sieht sie als sinnvoll an, um Mikroverletzungen zu reduzieren. „Diese Mikroverletzungen bemerkt man meist nicht. Sie tun nicht weh, sind aber sehr relevant, weil Erreger wie HPV genau solche kleinen Risse als Eintrittspforten nutzen, um in die Schleimhäute zu gelangen“, erklärt sie.

HPV ist weit verbreitet und dennoch stark tabuisiert. „HPV ist etwas, das man schlicht nicht haben will und das man auch nicht weitergeben möchte.“ Vielleicht liegt genau darin der Kern des Schweigens. Es gibt kein Medikament, das das Virus unmittelbar beseitigt, der Schutz ist nicht absolut, und die mögliche Verbindung zu Krebs verunsichert viele. Diese Verantwortung kann schwer wiegen. Doch Schweigen verstärkt das Tabu. „HPV ist menschlich. HPV hat fast jeder.“ Wissen kann Angst relativieren. Gespräche können Scham abbauen. Und regelmäßige Vorsorge schafft Sicherheit. Die wichtigste Botschaft von Simone an frisch Diagnostizierte lautet deshalb: „Keine Panik.“ Eine HPV-Diagnose ist kein Urteil. Sie ist Information. Und Information ermöglicht Selbstbestimmung.

Fazit: Zwischen Virusnachweis und Selbstbestimmung

Eine HPV-Diagnose verändert oft weniger den Körper als die eigene Wahrnehmung. Sie konfrontiert mit Fragen nach Ansteckung, Verantwortung und möglichem Risiko. Gleichzeitig zeigt die medizinische Realität ein differenziertes Bild: HPV ist weit verbreitet, verläuft in den meisten Fällen unbemerkt und wird vom Immunsystem häufig selbst kontrolliert. Die eigentliche Belastung entsteht nicht selten durch fehlende Einordnung, durch Tabuisierung und durch die Verbindung mit schwerwiegenden Erkrankungen, die statistisch zwar möglich, aber deutlich seltener sind als viele befürchten. Zwischen nüchterner Medizin und gesellschaftlichem Schweigen entsteht eine Unsicherheit, die Betroffene häufig allein bewältigen müssen. Simones Geschichte zeigt, dass Aufklärung, regelmäßige Vorsorge und offene Gespräche zentrale Ressourcen sein können. Eine HPV-Infektion ist kein moralisches Urteil und kein Zeichen von Schuld. Sie ist ein Virusnachweis. Und ein Virusnachweis ist zunächst Information. Information ermöglicht Einordnung. Einordnung reduziert Angst. Und wer versteht, was im eigenen Körper geschieht, kann Entscheidungen selbstbestimmt treffen.

FAQ: Häufige Fragen zu HPV

Was bedeutet HPV-positiv?

Ein positiver HPV-Test bedeutet zunächst, dass das Humane Papillomavirus im Körper nachgewiesen wurde. Es handelt sich dabei nicht um eine Krebsdiagnose und auch nicht automatisch um eine Erkrankung. In den meisten Fällen verläuft eine HPV-Infektion symptomlos und wird vom Immunsystem innerhalb von ein bis zwei Jahren kontrolliert. Erst wenn bestimmte Hochrisiko-Typen länger bestehen bleiben, können sich Zellveränderungen entwickeln, die ärztlich beobachtet oder behandelt werden müssen.

Wie gefährlich ist HPV?

Die meisten HPV-Infektionen sind harmlos und heilen ohne Behandlung aus. Bestimmte Hochrisiko-Typen können jedoch bei einer länger bestehenden Infektion Zellveränderungen verursachen, die unbehandelt zu Krebs führen können. Entscheidend sind daher regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen und eine frühzeitige Abklärung auffälliger Befunde.

Wie lange bleibt HPV im Körper?

In etwa 90 Prozent der Fälle kontrolliert das Immunsystem die Infektion innerhalb von ein bis zwei Jahren. Danach ist das Virus nicht mehr nachweisbar. Bleibt eine Infektion länger „aktiv“ bestehen, spricht man von einer persistierenden Infektion, die ärztlich beobachtet werden sollte.

Kann man mit HPV weiterhin Sex haben?

Ja. Eine HPV-Diagnose bedeutet nicht, dass Sexualität eingestellt werden muss. Wichtig sind Information, offene Kommunikation und eine realistische Einordnung des Risikos. Kondome bieten keinen vollständigen Schutz, können das Übertragungsrisiko jedoch reduzieren.

Kann HPV ein Zeichen von Untreue sein?

Nein. Das Virus kann über Jahre im Körper vorhanden sein oder unter bestimmten Bedingungen reaktiviert werden. Eine positive Diagnose lässt keine Rückschlüsse darauf zu, wann oder von wem die Infektion stammt.

Dieser Artikel versteht sich als Beitrag zur Aufklärung und Orientierung. Er ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen oder Beschwerden sollte ärztlicher Rat eingeholt werden.

Über Simone Hotz

foto simone hotz

Simone lebt und arbeitet in Frankfurt am Main. Sie ist Erziehungswissenschaftlerin und zertifizierte Sexualpädagogin (gsp) und beschäftigt sich beruflich mit Themen, über die sonst oft eher geschwiegen wird.

Nach einer eigenen HPV-Diagnose begann Simone, sich intensiv mit der Infektion auseinanderzusetzen. Sie erkannte schnell, hier gibt es große Wissenslücken und viele Fragen, sobald die Diagnose „HPV“ im Raum steht. Auch das Thema HPV-Impfung beschäftigt viele Menschen.

Heute informiert die Sexualpädagogin auf Instagram sachlich, niedrigschwellig und ohne Panikmache über HPV, Sexualität und Vorsorge.

2021 erschien ihr Buch „Lustbewusst“, im Frühjahr 2026 folgt ihr zweites Buch zum Thema HPV.

Simones Instagram-Profil findest du unter: @hpv_positive_vibes .

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