Drag fasziniert und regt zum Nachdenken an. FĂŒr die einen ist es schillernde Unterhaltung, fĂŒr andere eine Kunstform mit gesellschaftlicher Botschaft. Hinter jeder Drag-Persona steckt eine Geschichte und oft auch der Wunsch, Menschen zu bewegen und Sichtbarkeit fĂŒr Themen zu schaffen, die im Alltag hĂ€ufig zu wenig Aufmerksamkeit erhalten.
Eine, die das seit vielen Jahren auf beeindruckende Weise verbindet, ist Margot Schlönzke. Als Moderatorin, SĂ€ngerin, Entertainerin und Aktivistin gehört sie zu den bekanntesten Dragqueens Deutschlands. Mit Humor, Selbstironie und einer klaren Haltung steht sie auf der BĂŒhne und setzt sich zugleich fĂŒr gesellschaftlichen Zusammenhalt und Vielfalt ein. Wir haben mit Margot darĂŒber gesprochen, wie ihre Drag-Persona entstanden ist, warum Drag fĂŒr sie weit mehr als Unterhaltung ist und weshalb Sichtbarkeit heute wichtiger ist, denn je.
Wer mehr ĂŒber die Geschichte und Entwicklung von Drag erfahren möchte, findet weitere Einblicke in unserem Blog âDie Magie des Drag â Einblicke in Glamour, Ausdruck und Kulturâ
Wer ist Margot Schlönzke?
Wer Margot Schlönzke einmal auf der BĂŒhne erlebt hat, merkt schnell: Hier geht es um weit mehr als ein glamouröses Outfit oder perfektes Make-up.
âDrag ist fĂŒr mich weit mehr als Glitzer, PerĂŒcken und hohe Schuhe. Es ist eine wunderbare Möglichkeit, Aufmerksamkeit auf gesellschaftliche MissstĂ€nde und Fehlentwicklungen zu lenken und den Menschen eine Stimme zu geben, die oft ĂŒbersehen oder nicht gehört werden. Unterhaltung und Haltung schlieĂen sich fĂŒr mich nicht aus â im Gegenteil: Humor kann BrĂŒcken bauen und GesprĂ€che ermöglichen, die sonst vielleicht nie stattfinden wĂŒrden.â Diese Verbindung aus Unterhaltung und gesellschaftlichem Engagement zieht sich durch ihre gesamte Arbeit.
Wie aus einer Idee Margot Schlönzke wurde
Die Geschichte von Margot begann ĂŒberraschend unscheinbar. Lange bevor sie auf groĂen BĂŒhnen stand oder Veranstaltungen moderierte, entstand ihr Name aus einer ganz anderen Idee. âEnde der Achtzigerjahre habe ich unter dem Pseudonym einer frei erfundenen Lehrerin namens âMargot Schlönzkeâ mit einer SchĂŒlerkolumne das Geschehen an meiner Schule augenzwinkernd aufs Korn genommen. Damals war noch ĂŒberhaupt nicht geplant, dass daraus einmal eine BĂŒhnenfigur entstehen wĂŒrde. Die ersten Auftritte folgten erst viele Jahre spĂ€ter â und aus einer kleinen Idee entwickelte sich nach und nach das, was Margot Schlönzke heute ist.â Was als humorvolle SchĂŒlerkolumne begann, entwickelte sich ĂŒber viele Jahre zu einer der bekanntesten Drag-Persönlichkeiten Deutschlands. Dabei blieb eines immer gleich: der Wunsch, Menschen mit Humor zu erreichen und gleichzeitig zum Nachdenken anzuregen.
Warum Drag bis heute begeistert
Viele verbinden Drag zunĂ€chst mit Make-up, extravaganten Outfits oder aufwendigen Shows. FĂŒr Margot liegt die eigentliche Faszination jedoch an einer ganz anderen Stelle.
âDie eigentliche Faszination geht fĂŒr mich vom Publikum und von der Gesellschaft aus. Eine Frau in Hosen provoziert heute kaum noch jemanden â ein Mann im Chanel-KostĂŒm dagegen schon. Gerade diese Irritation eröffnet die Möglichkeit, an festgefahrenen Weltbildern zu rĂŒtteln. Ăber ein ungewohntes ĂuĂeres Aufmerksamkeit zu erzeugen und diese dann sinnvoll zu nutzen, ist fĂŒr mich der Kern von Drag. Ich möchte den leisen, ĂŒbersehenen und unterdrĂŒckten Menschen eine Stimme geben.â
Gerade darin liegt die besondere StĂ€rke von Drag: Menschen bleiben zunĂ€chst wegen der Inszenierung stehen â und hören dann einer Botschaft zu, die sie im Alltag vielleicht ĂŒberhört hĂ€tten.
Was eine gute Dragqueen ausmacht
Perfektes Make-up oder aufwendige KostĂŒme allein reichen fĂŒr Margot nicht aus. Viel wichtiger ist die Persönlichkeit hinter der Performance.
âAls Allererstes darf man sich selbst nicht zu ernst nehmen. Selbstironie ist die Grundlage. Wer nicht ĂŒber sich selbst lachen kann, hat in diesem Beruf aus meiner Sicht nichts verloren.â
Ebenso wichtig sei eine Botschaft, die ĂŒber das ĂuĂere hinausgeht.
âUm ehrlich zu sein: Schönheit ist gar nicht das Entscheidende. Viel wichtiger ist, etwas zu erzĂ€hlen und Menschen zum Nachdenken zu bringen. Ich glaube auĂerdem, dass eine gute Dragqueen ihr Publikum ein kleines bisschen klĂŒger nach Hause schickt, als es gekommen ist.â
FĂŒr Margot ist Drag deshalb ein stetiger Entwicklungsprozess. Perfektion spielt dabei keine Rolle. Entscheidend ist die Bereitschaft, sich immer wieder weiterzuentwickeln.

Mehr als eine BĂŒhnenfigur
Viele Menschen gehen davon aus, dass hinter jeder Drag-Persona eine Rolle steckt, die mit dem Abschminken wieder verschwindet. FĂŒr Margot ist das anders. Sie beschreibt Drag nicht als Kunstfigur, sondern als einen Teil ihrer Persönlichkeit. Die BĂŒhne gibt ihr die Möglichkeit, Themen anzusprechen und gesellschaftliche Entwicklungen mit Humor zu kommentieren. Gerade diese Mischung aus Unterhaltung und klarer Haltung macht ihre Auftritte aus. âNatĂŒrlich steckt hinter Margot ein Mensch â allerdings ist Margot Schlönzke fĂŒr mich keine Kunstfigur. Das bin ich höchstpersönlich. Drag gibt mir lediglich die Möglichkeit, Dinge pointierter, ĂŒberspitzter und manchmal auch frecher zu formulieren, als man es im Alltag vielleicht tun wĂŒrde.â
FĂŒr sie schafft Humor Raum fĂŒr GesprĂ€che, regt zum Nachdenken an und macht es oft leichter, auch unbequeme Themen anzusprechen. Genau darin sieht Margot die besondere StĂ€rke von Drag: Aufmerksamkeit zu schaffen und sie sinnvoll zu nutzen.
Sichtbarkeit bedeutet nicht automatisch Akzeptanz
In den vergangenen Jahren ist Drag sichtbarer geworden. Gleichzeitig erlebt Margot, dass Vorurteile und Anfeindungen gegenĂŒber queeren Menschen wieder zunehmen. Aus ihrer Sicht reicht gesellschaftliche PrĂ€senz allein deshalb nicht aus â sie muss von AufklĂ€rung, Dialog und gegenseitigem Respekt begleitet werden.
Diese Entwicklung bekommt sie auch persönlich zu spĂŒren. Hassnachrichten und Beleidigungen gehören inzwischen leider zu ihrem Alltag. Dennoch lĂ€sst sie sich davon nicht einschĂŒchtern und setzt weiterhin ein klares Zeichen fĂŒr Offenheit und Vielfalt.
âIch bekomme nahezu tĂ€glich entmenschlichende Beleidigungen, Hassnachrichten und sogar Morddrohungen.â
FĂŒr Margot steht fest, dass Queerfeindlichkeit ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Umso wichtiger sei es, Vorurteile durch Wissen zu ersetzen und Menschen miteinander ins GesprĂ€ch zu bringen. Genau darin sieht sie auch die Aufgabe von Drag als Kunstform: DenkanstöĂe zu geben, Perspektiven zu verĂ€ndern und RĂ€ume fĂŒr Offenheit zu schaffen. Gerade Drag könne dabei helfen, eingefahrene Vorstellungen von Geschlechterrollen aufzubrechen und zu zeigen, dass IdentitĂ€t viele Facetten hat. Die Freiheit, sich ausdrĂŒcken zu dĂŒrfen, ohne Angst vor Ablehnung oder Ausgrenzung haben zu mĂŒssen, ist fĂŒr sie keine SelbstverstĂ€ndlichkeit, sondern etwas, das immer wieder verteidigt werden muss.
Was wir von Drag lernen können
Drag lebt davon, Erwartungen zu hinterfragen. Es geht nicht darum, Menschen in Schubladen zu stecken, sondern sie dazu einzuladen, genauer hinzusehen. FĂŒr Margot macht genau das den Wert dieser Kunstform aus. Drag zeigt, wie selbstverstĂ€ndlich wir uns alle jeden Tag inszenieren, bewusst oder unbewusst. Kleidung, Auftreten und Sprache sind Ausdruck unserer Persönlichkeit. Drag macht diesen Mechanismus sichtbar und spielt bewusst mit ihm. Wer sich darauf einlĂ€sst, entdeckt schnell, dass hinter der glitzernden OberflĂ€che weit mehr steckt als Unterhaltung. Drag kann Perspektiven verĂ€ndern, GesprĂ€che anstoĂen und dazu beitragen, anderen Menschen mit mehr Offenheit und weniger Vorurteilen zu begegnen.
Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten oft von Polarisierung geprĂ€gt sind, ist diese Offenheit wichtiger denn je. Sie beginnt im Kleinen, mit der Bereitschaft zuzuhören, unterschiedliche LebensrealitĂ€ten anzuerkennen und Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind. Diese Werte begleiten auch pjur seit der GrĂŒndung. Respekt bedeutet, Vielfalt nicht nur sichtbar zu machen, sondern sie als selbstverstĂ€ndlichen Teil unserer Gesellschaft zu verstehen. Deshalb freuen wir uns ĂŒber Menschen wie Margot Schlönzke, die mit KreativitĂ€t, Humor und einer klaren Haltung dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und neue Perspektiven zu eröffnen.
Ein Rat, der Mut macht
Zum Abschluss haben wir Margot gefragt, welchen Rat sie Menschen geben wĂŒrde, die sich vielleicht noch nicht trauen, ihre IdentitĂ€t, ihre SexualitĂ€t oder ihre Persönlichkeit offen zu leben.
âHöre auf dein Herz und nicht auf andere Menschen. Es ist dein Leben und es ist das einzige, das du hast. Lebe es so, dass du möglichst viele Momente genieĂen kannst und dich nicht irgendwann fragst, ob du dein Leben nach den Erwartungen anderer gefĂŒhrt hast. Du musst niemandem etwas beweisen. Aber du solltest dir selbst die Chance geben, glĂŒcklich zu sein.â
Es sind Worte, die weit ĂŒber das Thema hinausgehen. Sie erinnern daran, wie wichtig es ist, authentisch zu bleiben und den eigenen Weg zu gehen, ganz unabhĂ€ngig davon, welche Erwartungen andere an uns stellen.
Genau darin liegt auch die Botschaft dieses GesprÀchs: Vielfalt entsteht dort, wo Menschen den Raum haben, sie selbst zu sein. Und Respekt beginnt dort, wo wir anderen mit Offenheit begegnen.

Ăber Margot Schlönzke
Margot Schlönzke ist Moderatorin, SĂ€ngerin, Entertainerin, Podcasterin, Drag und Polittunte mit Herz und Schnauze, und bietet dazu auch noch Stand-up Comedy mit Hirn und Humor. Dank ihres mĂŒtterlichen Charmes und ihrer spontanen spitzen Zunge wird sie auch gerne als âdie Mutter Beimer der Travestie“ bezeichnet. Seit ĂŒber 20 Jahren ist sie als KĂŒnstlerin und engagierte KĂ€mpferin fĂŒr die Sichtbarkeit der Community unterwegs.
Margot Schlönzke ist seit 2002 in dieser âform“ auf der BĂŒhne. Neben zahlreichen Auftritten als SĂ€ngerin und Schauspielerin ist sie eine engagierte Persönlichkeit, die sich fĂŒr die Belange der queeren Community einsetzt. Zum Repertoire gehören abendfĂŒllende Programme mit Konferenzen, Kabarett und Livegesang ebenso, wie die Gabe unterschiedlichste Events charmant und liebevoll mit dem gewissen Witz an richtiger Stelle zu moderieren, GĂ€ste und GesprĂ€chspartner*innen glĂ€nzen zu lassen.
Mehr ĂŒber Margot, ihre aktuellen Projekte und bevorstehenden Termine gibt es auf www.schlönzke.de.
Instagram: https://www.instagram.com/margotschloenzke
Facebook: https://www.facebook.com/margot.schlonzke
Bluesky: https://bsky.app/profile/margotschloenzke.bsky.social
FAQ
Welche Rolle spielt AuthentizitÀt im Drag?
Auch wenn Drag mit Make-up, KostĂŒmen und Inszenierung arbeitet, geht es vielen KĂŒnstler:innen darum, ihre Persönlichkeit auf eine kreative Weise auszudrĂŒcken. Gerade diese Verbindung aus Performance und AuthentizitĂ€t macht Drag fĂŒr viele Menschen so besonders.
Warum ist Drag heute aktueller denn je?
In den vergangenen Jahren ist Drag sichtbarer geworden â gleichzeitig nehmen Vorurteile und Anfeindungen gegenĂŒber queeren Menschen in vielen Bereichen wieder zu. Gerade deshalb schafft Drag RĂ€ume fĂŒr Austausch, regt zum Nachdenken an und setzt ein Zeichen fĂŒr Offenheit, Vielfalt und gegenseitigen Respekt. Denn Ausgrenzung beginnt oft nicht erst bei offensichtlicher Diskriminierung, sondern im Alltag. Durch stereotype Erwartungen und scheinbar harmlose Aussagen. Hiermit beschĂ€ftigt sich auch unser Blogbeitrag zum Thema Alltagssexismus.
Warum wird Drag oft mit der LGBTQIA+ Community in Verbindung gebracht?
Drag hat eine lange Geschichte innerhalb der LGBTQIA+ Community und war schon frĂŒh ein wichtiger Ausdruck von Sichtbarkeit, Selbstbestimmung und Zusammenhalt. Gleichzeitig ist Drag eine vielfĂ€ltige Kunstform, die Menschen unabhĂ€ngig von ihrer sexuellen Orientierung oder GeschlechtsidentitĂ€t ausĂŒben und erleben können.
Kann Drag gesellschaftliche VerĂ€nderungen anstoĂen?
Kunst kann Menschen dazu bringen, Dinge aus einer neuen Perspektive zu betrachten â und genau darin liegt auch die StĂ€rke von Drag. Humor, KreativitĂ€t und Performance schaffen Aufmerksamkeit und eröffnen GesprĂ€che ĂŒber Themen wie IdentitĂ€t, Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt.